Zusammenfassung der Kerninhalte
Kürzlich haben Nvidia und Wall-Street-Institutionen zusammengearbeitet, um Kunden bei der Finanzierung des Kaufs von Rechenleistung zu helfen. Broadcom hat ebenfalls ein ähnliches Projekt gestartet. Hinter diesen Finanzierungen verbirgt sich jedoch eine „Schattenverschuldung“ in Höhe von etwa 70 Milliarden US-Dollar – genauer gesagt, sogenannte „Residual Value Guarantees (RVGs)“. Diese Garantien werden nicht im Bilanzbuch der Chipunternehmen ausgewiesen. Sollte die Wirtschaft jedoch einbrechen, Kunden in Verzug geraten und die Chips an Wert verlieren, müssen die Garantiegeber (Nvidia, Broadcom usw.) die Lücken in den Krediten schließen. Investoren und Ratingagenturen befürchten, dass dies zu tatsächlichen Schulden werden könnte, was die finanzielle Stabilität der Unternehmen beeinträchtigen würde.
Detaillierte Analyse
1. Wie funktionieren „Residual Value Guarantees“?
Einfach ausgedrückt handelt es sich um eine Methode, bei der Chipunternehmen ihren Kunden ermöglichen, Chips auf Kredit zu kaufen:
Stellen Sie sich vor, Sie führen ein AI-Unternehmen und möchten Nvidia-Chips kaufen, haben aber kein Geld. Nvidia beauftragt dazu ein spezielles Unternehmen (SPV – Special Purpose Vehicle), das von Wall Street Geld lehnt, um die Chips zu erwerben. Anschließend unterzeichnen Sie einen Vertrag mit dem SPV und zahlen monatlich Miete für die Nutzung der Chips; diese Miete dient zur Rückzahlung des Kredits des SPV. Sollten Sie die Miete nicht mehr zahlen können, verkauft das SPV die Chips oder vermietet sie weiter. Falls der Verkaufserlös nicht ausreicht, um den Rest des Kredits zu begleichen, muss Nvidia den Unterschied aus eigenen Mitteln übernehmen.
Das bedeutet, dass Nvidia dem SPV eine Garantie bietet, was es Wall Street ermöglicht, Geld zu leihen, Ihnen die Nutzung der Chips sicherstellt und Nvidia zusätzlich Umsätze erzielt – auf den ersten Blick scheinen alle Beteiligten zu gewinnen, doch die Risiken sind versteckt.
2. Warum nutzen Chipunternehmen diese Methode?
Für Nvidia und Broadcom ist dies praktisch ein „kostenloser Lunch“:
- Sie müssen kein eigenes Geld ausgeben; das Finanzierungskapital stammt von Wall Street, die Chipunternehmen übernehmen lediglich die Garantie ohne Kapitaleinzahlung.
- Es beeinträchtigt die Bilanzen nicht: Nach den Buchhaltungsregeln müssen solche Garantien nur dann in der Verbindlichkeit aufgeführt werden, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Zahlung gering ist (z. B. behauptet Meta, dass die Garantiezahlungen unwahrscheinlich seien und daher nicht als Verbindlichkeit erfasst werden).
- Umsatzzuwachs: Kunden können auch ohne Geld Chips kaufen und sind daher eher bereit, mehr zu bestellen. Beispielsweise hat Broadcoms „Big Sky“-Projekt dazu beigetragen, dass Anthropic Geld für den Chipkauf erhalten hat und die entsprechenden Kredite eine Investitionsqualität erhielten – was Kunden noch mehr zur Zusammenarbeit veranlasst.
3. Die Risiken der offenen „Schattenverschuldung“
Da diese Garantien nicht in der Bilanz erscheinen, können Investoren die tatsächlichen Risiken nicht erkennen:
- In einer Wirtschaftskrise könnten AI-Unternehmen die Miete nicht zahlen und die Chips aufgrund technischer Neuheiten an Wert verlieren. In diesem Fall müssten Nvidia und Broadcom den Unterschied ausgleichen.
- In boomenden Zeiten wird diese Praxis häufig genutzt, was zu steigenden Chipverkäufen führt. Bei einer Rezession könnten jedoch alle Beteiligten gleichzeitig in Verzug geraten, wodurch die Garantiegeber Milliarden verlieren könnten. CreditSights vergleicht dies mit dem Verkauf von Put-Optionen: Man verdient im Aufwärtstrend, verliert aber im Abwärtstrend – und der Verlust kann erheblich sein.
4. Wall Street und Ratingagenturen sind besorgt: Die Methode ist zu kompliziert und die Risiken zu versteckt
- Kapitalmanager kritisieren diese Praxis als Ausnutzung von Systemlücken und als Versuch, die wahren Risiken durch Finanztechniken zu verschleiern.
- TCW-Führungskräfte bezeichnen dies als keine gewöhnliche Kreditvergabe; die „Extrabilanzrisiken“ (mit geringer Wahrscheinlichkeit, aber großem Ausmaß) seien hoch.
- Moody’s warnt Broadcom davor, dass eine Zunahme solcher Garantien die finanzielle Flexibilität einschränken könnte – selbst wenn die aktuellen Schulden niedrig sind.
- S&P geht noch weiter und betrachtet diese Garantien als Teil der „angepassten Verschuldung“, was die Kreditwürdigkeit negativ beeinflussen könnte.
5. Warum können solche „Schattenverschuldungen“ unentdeckt bleiben?
Die US-Buchhaltungsregeln erlauben es, Eventualverbindlichkeiten nur dann in der Bilanz aufzuführen, wenn ein Verlust wahrscheinlich und vernünftig absehbar ist; ansonsten werden sie lediglich in den Anmerkungen erwähnt.
Chipunternehmen nutzen diese Lücke aus und behaupten, die Wahrscheinlichkeit einer Zahlung sei gering, weshalb keine Verbindlichkeiten erfasst werden müssen. Tatsächlich bestehen jedoch Risiken – beispielsweise könnte Broadcoms AI XPV-Platform bis 2029 zu einer Verschuldung in Höhe von 37 Milliarden US-Dollar führen, wobei die entsprechenden Garantien noch höher ausfallen könnten. Diese Risiken bleiben für Investoren schwer erkennbar.
Fazit
Chipunternehmen nutzen „Residual Value Guarantees“, um ihren Kunden bei der Finanzierung zu helfen und kurzfristig mehr Chips zu verkaufen. Die offenen „Schattenverschuldungen“ sind jedoch wie Zeitbomben: In guten Zeiten ist alles in Ordnung – doch bei einer Rezession müssen die Garantiegeber tatsächliche Gelder ausgeben, um die Lücken zu schließen. Die Warnungen von Investoren und Ratingagenturen deuten darauf hin, dass sich ähnliche Situationen wie während der Subprime-Hypothekenkrise wiederholen könnten. Für den Durchschnittsbürger bedeutet dies: Bei der Betrachtung von Unternehmensberichten sollte man nicht nur die offiziellen Zahlen betrachten, sondern auch auf solche „nicht offiziell ausgewiesenen Schulden“ achten.