Zusammenfassung der Kerninhalte
Der saudische Staatsfonds (Public Investment Fund, PIF) hat über 70 Milliarden US-Dollar in Spieleunternehmen investiert und kürzlich EA – den Mutterkonzern von Spielen wie „Battlefield“ und „The Sims“ – für 55 Milliarden US-Dollar vollständig übernommen, was die zweitgrößte Übernahme in der Geschichte des Videospielmarktes darstellt. Dies geschieht nicht aus persönlichem Interesse des Kronprinzen (obwohl er ein großer Spielefan ist), sondern ist ein wichtiger Schritt in der „Vision 2030“ Saudi-Arabiens: Der Staat möchte seine Abhängigkeit von Öl reduzieren und sich auf die digitale Wirtschaft konzentrieren. Saudi-Arabien kauft nicht nur Unternehmen, sondern baut auch eine vollständige Industriekette für E-Sport, Mobilspiele und Spielkonsolen auf und möchte außerdem arabische Kultur durch Spiele weltweit verbreiten. Allerdings stehen sie vor Herausforderungen in Bezug auf Wertekonflikte und die Entwicklung eigener Inhalte.
Detaillierte Analyse
Warum kauft Saudi-Arabien plötzlich so viele Spiele?
70 Prozent der saudischen Einnahmen stammen aus Öl, doch weltweit wird der Kohlenstoffausstoß reduziert, was die Position des Öls zunehmend unsicher macht. Saudi-Arabien möchte den Anteil der nicht-ölbasierten Einnahmen am BIP von 16 Prozent auf 50 Prozent erhöhen. Die Spieleindustrie ist mit einem Umfang von über 200 Milliarden US-Dollar ressourcenunabhängig und umweltfreundlich – genau das, was benötigt wird. Noch wichtiger ist der inländische Markt: 70 Prozent der Bevölkerung sind unter 35 Jahren, und 67 Prozent davon spielen Spiele (ca. 23,5 Millionen Menschen). In den letzten 40 Jahren gab es in Saudi-Arabien keine Kinos (erst 2018 wurde das Verbot aufgehoben); Spiele sind die einzige legale Unterhaltungsmöglichkeit für die Jugend. Durch den Kauf von Spieleunternehmen können die Bedürfnisse der Jugendlichen erfüllt und neue digitale Arbeitsplätze geschaffen werden – was als „modern“ angesehen wird.
Wie werden die 70 Milliarden US-Dollar eingesetzt?
Die Investitionen sind strategisch geplant:
- E-Sport: 1,5 Milliarden US-Dollar wurden in ESL und FACEIT investiert; die fusionierten Unternehmen kontrollieren nun 40 Prozent der weltweiten E-Sportveranstaltungen (z. B. die Intel Extreme Masters) und haben somit Zugang zu großen Publikumsmengen.
- Mobilspiele: 4,9 Milliarden US-Dollar wurden in den Entwickler von „Monopoly GO!“ investiert, 3,5 Milliarden US-Dollar in die Niantic-Sparte von „Pokémon GO“ und 6 Milliarden US-Dollar in die südostasiatische Firma Mobile Legends, um den Markt für Mobilspiele zu sichern.
- Spielkonsolen und IP: Für 55 Milliarden US-Dollar wurde EA gekauft (u. a. mit Sport-IPs wie der FC-Serie). Zudem wurden 5 Prozent der Anteile an Capcom („Resident Evil“) und NEXON („DNF“) sowie 6,3 Prozent an Nintendo erworben, um Lücken in den Bereichen Spielkonsolen und Online-Spiele zu schließen.
- Inländische Infrastruktur: Die E-Sportstadt Qiddiya mit Platz für 73.000 Zuschauer wurde gebaut, sowie die Savvy Academy zur Ausbildung von Fachkräften.
Saudi-Arabien möchte die gesamte Spieleindustriekette kontrollieren – von den Ursprünglichen IP bis hin zu den Veranstaltungen und der Infrastruktur.
Mehr als nur Geldverteilung: Die Vision, arabische Geschichten weltweit zu verbreiten
In Saudi-Arabien gibt es 330 Millionen Spieleplayer – mehr als in Westeuropa oder den USA – doch nur wenige Spiele erzählen arabische Geschichten. Während in den USA „Spider-Man“ und in Japan „Soul of Tsushima“ existieren, müssen arabische Spieler auf die Geschichten anderer Länder zurückgreifen. Saudi-Arabien möchte dies ändern: Ubisoft sagte ursprünglich, dass es keine Fortsetzung zu „Assassin’s Creed: Origins“ geben würde, doch nach Gesprächen mit Savvy wurde kostenloses DLC „Valley of Memories“ veröffentlicht, das die Hauptfigur in eine alte saudische Stadt des 9. Jahrhunderts führt. Dies ist das erste Mal, dass Saudi-Arabien mit Kapital die Inhalte von Mainstream-Spielen beeinflusst und arabische Kultur weltweit bekannt macht.
Können Geld alle Probleme lösen?
Zwei Herausforderungen bleiben:
- Wertekonflikte: Saudi-Arabien ist ein konservativer islamischer Staat; viele Spielinhalte (z. B. Gewalt, LGBTQ-Themen) entsprechen nicht den dortigen Vorgaben. Viele Spiele von EA könnten daher angepasst werden müssen. Zuvor wurde die Zusammenarbeit zwischen der europäischen „League of Legends“-Region und Saudi-Arabien nach 14 Stunden Protesten abgebrochen, und das Olympische Komitee zog seine Unterstützung für E-Sport-Wettbewerbe in Saudi-Arabien zurück.
- Industrielle Entwicklung: Die Spieleindustrie lässt sich nicht allein durch den Kauf von Unternehmen aufbauen. Japan hat sich über Jahrzehnte auf Nintendo gestützt, Südkorea auf die网吧-Kultur und MMO-Spiele, und China hat 20 Jahre benötigt, um von der Lizenzierung zur eigenen Entwicklung überzugehen. Saudi-Arabien verfügt zwar über finanzielle Mittel, aber es fehlen eigene erfolgreiche Spiele. Der Staat versucht, internationale Studios einzuladen, um lokale Fachkräfte auszubilden – doch es ist schwierig, ein Gleichgewicht zwischen finanzieller Unterstützung und kreativer Freiheit zu finden: Zu strenge Kontrollen schrecken ausländische Kreative ab, während zu wenig Kontrolle das Ziel der kulturellen Ausstrahlung verfehlt.
Fazit
Mit 70 Milliarden US-Dollar hat Saudi-Arabien ein „Mythos des Reichtums“ in der Spielebranche geschaffen. Um jedoch von einer reinen Akquisitionsstrategie zu einer eigenen Spieleindustrie überzugehen, müssen noch die Herausforderungen der Wertekonflikte und der Entwicklung eigener Inhalte überwunden werden. Werden in Zukunft mehr arabische Geschichten in Spielen vorkommen? Wir werden es sehen.