Zusammenfassung der Kerninhalte
Das finnische Unternehmen Oura plant einen Börsengang (IPO) an der NASDAQ im September mit dem Ziel, bis zu 3 Milliarden US-Dollar zu erhöhen und eine Bewertung von über 16 Milliarden US-Dollar zu erzielen – dies wäre der größte Börsengang im Bereich der Verbraucher-Wearables in den letzten zehn Jahren. Hinter diesem Börsengang stecken jedoch vier entscheidende Fragen:
1. Großangelegtes Abverkaufen von Aktien durch bestehende Aktionäre (nicht aus Pessimismus, sondern aufgrund des Kapitalzyklus);
2. Die Kernfunktion des Rings (Schlafüberwachung) steht im Mittelpunkt von Sammelklagen;
3. Es ist fraglich, ob die AI-Technologie die hohe Bewertung rechtfertigt;
4. Der Wettbewerbsdruck durch große Unternehmen wie Samsung und Apple steht bevor.
Die Bewertung von Oura basiert auf dem Übergang vom Hardware-Unternehmen zu einem SaaS-Anbieter (Abonnementdienst), doch dieser Prozess ist mit Herausforderungen verbunden – sollte der Abonnementdienst versagen, könnte die Bewertung von 16 Milliarden US-Dollar unter Druck geraten („Davis-Cut“).
1. Großangelegtes Abverkaufen von Aktien durch bestehende Aktionäre: Nicht aus Pessimismus, sondern Kapitalabfluss
Oura hat insgesamt 1,5 Milliarden US-Dollar an Finanzierung erhalten, unter anderem von Institutionen wie Fidelity und ICONIQ. Warum verkaufen sie jetzt ihre Aktien beim IPO? Nicht, weil sie das Unternehmen nicht optimistisch sehen, sondern weil es für Investoren an der Zeit ist, ihr Kapital zurückzuziehen (im Fachjargon „DPI“). Die Bewertung stieg Ende 2024 auf 5,2 Milliarden US-Dollar und im Jahr 2025 auf 11 Milliarden US-Dollar – innerhalb von weniger als einem Jahr verdoppelte sich der Gewinn. Wenn sie jetzt nicht verkaufen, wann dann? Es ist wie mit einem Aktieninvestment, das sich verdoppelt hat: Man möchte natürlich einen Teil des Gewinns realisieren. Die Institutionen müssen ihren Geldgebern (LPs) Rechenschaft ablegen. Daher ist dieses Abverkaufen ein normaler Bestandteil des Kapitalzyklus und kein Zeichen dafür, dass das Unternehmen in Schwierigkeiten steckt.
2. Sammelklagen treffen ins Mark: Wie weit unterscheiden sich die Marketingversprechen von der tatsächlichen Leistung?
Oura steht vor zwei schwerwiegenden Sammelklagen:
a. Automatische Verlängerung der Abonnements: Nutzer behaupten, bei der Kaufentscheidung nicht auf eine automatische Abonnementverlängerung hingewiesen worden zu sein, und die Kündigung sei umständlich – dies verstößt gegen kalifornisches Recht. Das Abonnementmodell ist entscheidend für Ouras Übergang vom Hardware- zum SaaS-Anbieter; wenn dieses Modell rechtlich problematisch ist, könnte die Bewertung darunter leiden.
b. Ungenaue Schlafüberwachung: Nutzer werfen Oura vor, die Verbraucher zu täuschen, indem sie die Schlafqualität als „fast genauso genau“ wie das Werfen einer Münze darstellen (Genauigkeit: 53%). Es ist wichtig zu klären: Die von Oura angegebene Genauigkeit von 95% bezieht sich auf die Feststellung, ob man schläft oder wach ist; die in den Klagen genannte Genauigkeit von 53% bezieht sich auf die Unterscheidung zwischen leichtem Schlaf, tiefem Schlaf und REM-Phasen. Der goldene Standard in der Medizin ist die Messung von Gehirnwellen (Polysomnographie). Da der Oura-Ring jedoch an den Finger getragen wird, kann die Schlafqualität nur anhand von Herzfrequenz und Körpertemperatur geschätzt werden – dies ist ein technisches Hindernis für die gesamte Branche. Der Streit dreht sich nicht um die Genauigkeit der Messung, sondern darum, ob die Werbung übertrieben ist (z. B. wird der Ring als „medizinisches Gerät“ beworben). Wenn er tatsächlich nur ein Verbraucherprodukt ist, könnte dies als Täuschung angesehen werden.
3. Das Geheimnis der 16-Milliarden-Bewertung: Ein Hardware-Unternehmen versucht, den hohen Wert eines SaaS-Anbieters zu nutzen
80 % der Einnahmen von Oura stammen derzeit vom Verkauf des Rings (Hardware), 20 % von Abonnementdiensten. Die Kapitalmärkte bewerten das Unternehmen jedoch nach dem Vorbild von SaaS-Anbietern wie Microsoft und Salesforce, die hauptsächlich über Abonnements verdienen. Eine Gesamtbewertung von 16 Milliarden US-Dollar entspricht einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 16 bei einem Umsatz von 1 Milliarde US-Dollar im Jahr 2025; betrachtet man jedoch nur die Abonnementeinnahmen (144 Millionen US-Dollar), liegt das KGV bei über 110. Der Grund dafür ist, dass Hardwareprodukte einmalig verkauft werden, während Abonnements kontinuierliche Einnahmen generieren. Der Kapitalmarkt bevorzugt daher Abonnementdienste mit höheren Bewertungen. Es besteht jedoch das Risiko, dass die Bewertung sinkt, wenn die Zahl der Abonnenten langsamer wächst oder die Verlängerungsrate abnimmt – dies könnte zu einem „Davis-Cut“ führen. Daher basiert die aktuelle Bewertung von Oura auf der Hoffnung, dass die Abonnements zukünftig stark wachsen.
4. Kann die AI-Technologie die hohe Bewertung rechtfertigen? Derzeit eher „Verpackungsmaterial“
Der Anstieg der Bewertung von 11 auf 16 Milliarden US-Dollar erfolgte unter anderem aufgrund der AI-Technologie; im Jahr 2024 wurde der AI-Gesundheitsassistent Oura Advisor eingeführt. Was kann dieser AI eigentlich leisten? Derzeit beschränkt sich seine Funktion darauf, Schlaf- und Herzfrequenzdaten in Textform zusammenzufassen (z. B. „Sie haben letzte Nacht zu wenig tiefen Schlaf gehabt – es wird empfohlen, früher ins Bett zu gehen“). Es gibt keine medizinischen Diagnosefunktionen, und es werden keine neuen Einnahmen erzielt. Im Grunde handelt es sich um eine neue Darstellung bestehender Daten – keine echte „AI-Revolution“. Noch wichtiger ist, dass Ärzte diese Daten nicht anerkennen; wenn man mit einem Oura-Schlafbericht zum Arzt geht, wird dieser wahrscheinlich eine professionelle Schlafuntersuchung empfehlen. Daher ist die AI-Technologie derzeit eher ein „Verpackungselement“ und nicht unbedingt der Grund für die hohe Bewertung.
5. Große Unternehmen sind im Anmarsch – ist Ouras Wettbewerbsvorteil ausreichend?
Oura hat derzeit 74 % der weltweiten Auslieferungen von Smart Rings. Doch große Unternehmen wie Samsung (mit dem Galaxy Ring) und Apple (angeblich in Entwicklung durch einen Verantwortlichen für Gesundheitsprodukte) sind im Anmarsch. Einheimische Konkurrenten wie RingConn konkurrieren mit einem „kostenlosen Abonnement“ und einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Oura führt außerdem Patentstreitigkeiten mit Samsung. Dennoch verfügt Oura über einige Vorteile:
– B2B-Geschäft: Zusammenarbeit mit dem US-Verteidigungsministerium (größter Unternehmenskunde); Übernahme eines Unternehmens für Unternehmensgesundheit – diese Einnahmen sind zwar nicht offiziell bekannt, tragen aber zur „Datendatenplattform“ bei.
– Markenimage: Der Ring wurde von Prinzen wie Harry und Eileen Gu begeistert getragen; Nutzer betrachten ihn als hochwertiges, professionelles Gesundheitsgerät und können den Markt mit einem Preis von über 300 US-Dollar vorübergehend halten (inländische Konkurrenten konzentrieren sich auf günstigere Produkte).
Allerdings wird der Wettbewerb intensiver werden, sobald große Unternehmen auf den Markt kommen: Apple verfügt über eine umfassende Plattform (z. B. Integration mit iPhone und Apple Watch), Samsung über eine starke Lieferkettenposition. Wie lange kann Ouras Vorsprung anhalten? Dies ist die größte Unsicherheit beim Börsengang.
Fazit: Der Börsengang ist ein Risikospiel
Die 16-Milliarden-Bewertung von Oura setzt auf zwei Zukunftsszenarien: Zum einen den erfolgreichen Übergang vom Hardware- zum SaaS-Anbieter, zum anderen die Entwicklung eines eigenständigen Marktes für Smart Rings mit einem Umsatz von mehreren Milliarden US-Dollar, bevor große Unternehmen auf den Markt kommen. Wenn Oura gewinnt, könnte es zu einem kleinen, aber hochwertigen Marken werden; verliert es, könnte es von den Großen verdrängt werden. Die 3 Milliarden US-Dollar, die beim Börsengang erhoben werden, sind ein „Zeitfenster“, um diesen Vorsprung zu nutzen. Ob es gelingt, diesen Vorsprung zu festigen, hängt von zukünftigem Wachstum der Abonnements und technischen Durchbrüchen ab. Das Ergebnis dieses Spiels wird auch für andere Unternehmen im Gesundheitshardware-Bereich entscheidend sein: Wie nah können Produkte, die auf periphere Daten wie Finger und Handgelenk basieren, der medizinischen Wahrheit kommen – und ist eine solche hohe Bewertung wirklich gerechtfertigt? Die Antworten darauf liegen beim Börsengang von Oura.