Hallo zusammen, ich bin euer Freund, der Finanz- und Wirtschaftsjournalist. Heute wollen wir nicht über eine langweilige Geschäftsberichterstattung sprechen, sondern über eine Reihe von Ereignissen, die Mitte September stattfanden – scheinbar zufällig, aber in Wirklichkeit voller Bedeutung.
Die Hauptakteure sind die derzeit beliebteste Fitness-Event-Marke HYROX sowie der chinesische Gigant Wanda, der versuchte, diese Marke auf ein Podest zu heben.
Einerseits gab es peinliche Unfälle auf den Laufstrecken, andererseits einen massiven Kapitalabfluss in Höhe von 4,7 Milliarden Yuan auf dem Kapitalmarkt. Diese beiden Ereignisse spiegeln die wahre, aber auch schmerzhafteste Seite der chinesischen Sportindustrie wider: Wir laufen zu schnell – aber unsere Schnürsenkel sind noch nicht fest gebunden.
Ich werde diese Situation in fünf Teilen für Sie erklären, damit Sie verstehen, was wirklich passiert ist.
1. **Doppelstandards auf den Laufstrecken**: Wie kann das Maß der Regeln gebogen werden?
Beginnen wir mit dem „Inkontinenz-Vorfall“, der das ganze Internet in Aufruhr brachte. Die australische Läuferin Joanna Wietrzyk erlitt während des Rennens plötzlich Durchfall; ihre Ausscheidungen verschmutzten die Strecke und die Ausrüstung, wodurch mehr als 1000 weitere Läufer ausrutschten. Sie hörte nicht auf zu laufen, gewann dennoch und sagte nach dem Rennen: „Wer gewinnt, der gewinnt.“ Viele kritisierten die Läuferin für ihr Fehlverhalten, aber meiner Meinung nach sollten eigentlich die Schiedsrichter und die Veranstalter genauer unter die Lupe genommen werden.
Stellen Sie sich vor, Sie essen im Restaurant – der Kellner verschüttet versehentlich den Suppenaufguss über den Tisch, entschuldigt sich nicht und bittet Sie sogar weiterzuer essen, während andere wegen eines kleinen Spritzwassers bestraft werden. Die „Übeltäterin“ bleibt ungeschoren.
- Die Regeln sind festgelegt – aber die Menschen sind nicht unfehlbar. In den Rennregeln steht klar: Das Wegwerfen von Müll oder Spucken wird mit einer Zeitstrafe von zwei Minuten geahndet. Warum wurde bei der Verschmutzung der Strecke nur eine „Warnung“ ausgesprochen?
- Die Schiedsrichter handelten nach ihrem Ermessen – was letztlich zu Untätigkeit führte. HYROX gab zu, dass in den Regeln keine klaren Vorgaben für solche Fälle vorhanden waren, und die Schiedsrichter mussten auf ihr eigenes Urteilsvermögen vertrauen. Ihr Rat war: „Machen Sie keine Probleme, stoppen Sie das Rennen nicht, verärgern Sie nicht den Sieger.“
- Am schockierendsten ist die unterschiedliche Kommunikation der PR-Abteilungen: Im Ausland lobte HYROX die Läuferin für ihren „Kampfgeist“ und drohte sogar mit Sperren für die Kritiker; in China veröffentlichte die Firma hingegen eine „Reparaturmitteilung“. Derselbe Markenname wird für ausländische Fans mit Emotionen und für chinesische Verbraucher mit Regeln verbunden. Diese Haltung – „Geld in China verdienen, aber keine Verantwortung übernehmen“ – ist noch widerlicher als der Inkontinenz-Vorfall selbst.
Zusammenfassung: Der Unfall der Läuferin war ein Zufall, aber die Doppelstandards der Veranstalter und ihr Mangel an Reaktionsfähigkeit sind die eigentliche Ursache des Vertrauensverlusts.
2. **Wandas „Rechnungsbuch**: Es ist kein Rückzug, sondern eine kluge Strategie zur Risikobegrenzung
Zwei Tage vor dem Skandal kündigte Wandas Tochtergesellschaft Yingfang Sports an, die Anteile an HYROX an einen Fonds von LVMH (dem Konzern, der LV und Dior gehört) zu verkaufen. Der Wert betrug 600 Millionen Euro, was etwa 4,7 Milliarden Yuan entspricht.
Viele fragen sich: Hat Wanda Angst bekommen – oder glaubt es, dass der Event nicht mehr erfolgreich sein wird?
Ganz im Gegenteil: Wanda hat zu einem günstigen Zeitpunkt Kapital abgezogen – das ist eine sehr rationale Geschäftstransaktion.
- Warum jetzt verkaufen? Weil HYROX in China sehr beliebt ist. Die Teilnehmerzahlen sind von weniger als 1700 beim Event in Peking im Jahr 2024 auf über 10.000 in Shanghai im Jahr 2026 gestiegen. Der Wert der Marke ist gerade am höchsten – das ist die beste Zeit, um Kapital zu realisieren.
- Mangelt es Wanda an Geld? Ja. In den letzten Jahren hat Wanda kontinuierlich Vermögenswerte verkauft (z. B. Atlético Madrid, Triathlon-Veranstaltungen), mit dem einzigen Ziel: Geld zurückzuholen und den Schuldendruck zu verringern. Wanda ist ein Experte für Investitionen und keine Expertin für die Organisation von Sportveranstaltungen.
- Wer übernimmt die Firma? LVMHs Tochtergesellschaft L Catterton. Dadurch wird HYROX von einem „von chinesischem Kapital gehaltenen globalen Unternehmen“ zu einer Marke, die von Luxusunternehmen und dem Gründer gemeinsam geführt wird. LVMH weiß, wie man Marken aufwertet und einen einheitliche globale Regeln schafft – das ist viel geeigneter für HYROX.
Zusammenfassung: Wanda zieht nicht zurück, sondern sorgt dafür, dass das Geld sicher ist. Sie überlässt die schwierige und zeitaufwendige Verwaltung jemandem, der sich besser mit Marken auskennt, und holt sich selbst das Geld, um ihre finanziellen Probleme zu lösen. In der Geschäftswelt zählt nur das Geld – keine Emotionen.
3. **Die Probleme des Wachstums**: Wachstum im Übermaß, fehlende Steuerung
Wenn man diese beiden Ereignisse zusammen betrachtet, wird deutlich: Die chinesische Sportindustrie durchlebt eine Phase, in der das Wachstum schneller voranschreitet als die Steuerung.
HYROX hat in China eine explosive Entwicklung erlebt – es hat genau die Bedürfnisse der Mittelschicht getroffen: Die Menschen wollen fit werden, in Ranglisten aufsteigen, ihre Erfolge in sozialen Netzwerken teilen und soziale „Währungen“ sammeln. Deshalb buchen viele Teilnehmer die Veranstaltungen.
Aber wenn ein Event von einer „Nischen-Sportart“ zu einem „Massenprodukt“ wird, funktioniert das alte Konzept nicht mehr.
- Vorher waren es nur kleine Rennen mit wenigen Teilnehmern – jetzt sind es große Rennen mit Tausenden. Früher konnten Schiedsrichter die Ordnung mit lauten Rufen halten; heute, bei mehr als 1000 Läufern, stellt sich die Frage: Wie wird die Versorgung organisiert? Wie werden medizinische Notfälle behandelt? Die Probleme in Chengdu und Peking zeigen, dass die Verwaltungskapazitäten nicht ausreichen.
- Das ist kein Problem nur von HYROX: Auch andere Sportveranstaltungen in China haben ähnliche Probleme – unorganisierte Versorgung, ungenaue Schließzeiten, häufige Sicherheitsunfälle. Die gesamte Branche rennt im „Wachstumswahn“, aber die Frage der Steuerung wurde bisher kaum behandelt.
Zusammenfassung: Wir sind zu gut darin, Veranstaltungen zu vergrößern – aber wir haben vergessen, sie auch gut zu organisieren. Je größer die Größe, desto gefährlicher sind die Lücken in der Steuerung.
4. **Der Wandel des Kapitals**: Vom „Kaufen“ zum „Rechnen”
Der Verkauf von HYROX ist ein Beispiel für die Veränderung des chinesischen Kapitals im globalen Sportsektor.
Vor zehn Jahren wollte Wang Jianlin von Wanda ein „globales Sportimperium“ aufbauen – das war die Zeit des aggressiven chinesischen Kapitals. Die Logik war: Ich habe Geld – ich kaufe die besten Marken und werde damit der Herrscher. Heute hat sich die Strategie geändert.
- Vom Ausbau zum Rückzug: Wanda zieht sich aus dem Sportgeschäft zurück, verkauft Unternehmen wie Atlético Madrid und HYROX. Das ist keine Niederlage, sondern eine notwendige Anpassung an wirtschaftliche Veränderungen und steigenden Schuldendruck.
- Ungeeignete Fähigkeiten: Wanda ist gut darin, Kapital zu investieren, aber nicht in die detaillierte Verwaltung von Unternehmen. Für die nächste Phase von HYROX sind eine feinere Markenführung, globale Regeln und der Versuch, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, erforderlich – Dinge, die Wanda nicht kann und auch nicht wollen.
- Rationale Entscheidungen: Zu wissen, wann man aussteigt, ist genauso wichtig wie zu wissen, wann man einsteigt. Wanda verlässt den Markt zu einem guten Zeitpunkt und konzentriert sich auf seine Kerngeschäfte – das ist eine rationale Entscheidung.
Zusammenfassung: Wanda zieht sich nicht zurück, sondern sorgt dafür, dass ihr Kapital sicher ist. Sie überlässt die schwierige Verwaltung jemandem, der sich besser mit Marken auskennt, und holt sich das Geld, um ihre finanziellen Probleme zu lösen. In der Geschäftswelt zählt nur das Geld – nicht die Emotionen.
5. **Die nächste Lektion für die Sportindustrie**: Jeden Menschen respektieren
Schließlich möchte ich auf die mehr als 1000 Teilnehmer eingehen, die das Rennen trotz der verschmutzten Strecke beendet haben. Sie haben Geld ausgegeben, um an dem Event teilzunehmen – nicht, um zu sehen, wie der Sieger gewinnt, sondern um eine saubere, faire und respektvolle Fitnessveranstaltung zu erleben.
- Ihre Rechte wurden ignoriert. Im Fokus stand immer der „Kampfgeist“ des Siegers; ihre Sicherheit, ihre Erfahrungen und ihre Gefühle wurden dabei vernachlässigt.
- Vertrauen ist das wertvollste Gut. HYROX’ Wachstumsgeschichte in China ist noch nicht zu Ende – weitere Veranstaltungen in Shanghai, Guangzhou und Sanya sind geplant. Doch der Skandal in Peking ist ein Warnsignal: Jeder extreme Vorfall untergräbt das Vertrauen in die Marke. Wenn dieses Vertrauen zu sehr strapaziert wird, kann selbst die beste Marke zusammenbrechen.
- Was zeichnet eine reife Industrie aus? Nicht die Anzahl der Teilnehmer oder das eingeströmte Kapital, sondern die Frage: Funktionieren die Regeln bei Unfällen? Sind die Verantwortlichkeiten klar definiert? Werden die betroffenen Personen unterstützt?
Zusammenfassung: Die Reife einer Sportindustrie zeigt sich darin, dass sie auch bei Unfällen Respekt vor den Teilnehmern zeigt. Wanda ist weg – HYROX bleibt – aber die chinesische Sportindustrie muss lernen: Auch wenn man schnell läuft, muss man seine Schnürsenkel fest binden und darauf achten, nicht auf die Füße anderer zu treten.
Das sind die wahren Fragen, die wir aus dem HYROX-Skandal und Wandas Rückzug ziehen sollten.