Zusammenfassung der Kerninhalte
Seit Juni dieses Jahres könnte die Menschheit mit der größten IPO-Welle in der Geschichte konfrontiert werden: Die Giganten SpaceX (Werteschätzung: 1,8 Billionen), OpenAI (Werteschätzung: 852 Milliarden) und Anthropic (Werteschätzung: 965 Milliarden) haben nacheinander Anträge auf Börsengang gestellt, wobei die Gesamtmittel, die gesammelt werden, möglicherweise die Summe aller von US-amerikanischen Risikokapitalfonds (VCs) seit 2000 unterstützten IPOs überschreiten. Besonders viel Aufmerksamkeit gilt Anthropic: Es hat seinen Prospekt heimlich eingereicht, aber anschließend öffentlich bekanntgegeben; seine Werteschätzung übertrifft sogar die von OpenAI. Obwohl Anthropic Gewinne erzielt haben soll, gibt es viele Zweifel an den detaillierten Angaben. Als „Public Benefit Company“ (PBC) steht es vor der Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen Geschäft und Sicherheit zu finden. Die unterschiedlichen Geschäftsmodelle von Anthropic und OpenAI werden dazu führen, dass sich die Produktwege nach dem Börsengang unterscheiden. VCs, unter Druck durch den Fondszyklus, drängen darauf, ihre Investitionen schnell zu realisieren – sie sind somit eine wichtige treibende Kraft hinter dieser IPO-Welle.
1. Die widersprüchlichen Praktiken bei geheimen IPOs: Was verbergen die Unternehmen und warum machen sie es öffentlich?
IPOs sollen eigentlich „offen“ sein, aber Anthropic, OpenAI und SpaceX haben sich für den Weg des geheimen Einreichens entschieden. Laut dem JOBS Act von 2012 können berechtigte Unternehmen zunächst ihren Prospekt (S-1, vergleichbar mit einem „Röntgenbild“ des Unternehmens, das Umsätze, Kosten und Gehälter der Führungskräfte enthält) der SEC zur Überprüfung vorlegen. Erst 15 Tage vor der Roadshow wird der Prospekt veröffentlicht.
Vorteile des geheimen Einreichens:
- Geheime Anpassungen der Daten: Die Unternehmen können die Informationen mit der SEC besprechen, ohne dass falsche Angaben zu früh bekannt werden;
- Informationskrieg: Sie verhindern, dass Konkurrenten (wie Anthropic und OpenAI) wichtige Informationen wie die Rechenleistungskosten oder die Abhängigkeit von Kunden erfahren;
- Rückzugsmöglichkeit: Bei schlechten Marktsituationen kann der Börsengang jederzeit abgebrochen werden, ohne dass ein „Fehlschlag“ als Makel bleibt.
Warum wird es dann doch öffentlich bekannt gegeben?
Obwohl der Inhalt des Prospekts geheim ist, muss die Tatsache des Einreichens lautstark kommuniziert werden – dies ist Teil eines sorgfältig konzipierten Informationsasymmetrischen Spiels:
- Steigerung der Werteschätzung: Da Anthropic kürzlich eine weitere Finanzierungsrunde abgeschlossen hat (Werteschätzung: 965 Milliarden), erhoffen sich Investoren höhere Preise beim IPO;
- Stabilisierung von Kunden und Team: Kunden und Mitarbeiter fürchten das Scheitern des Unternehmens; die offizielle Ankündigung des Börsengangs gibt ihnen Sicherheit;
- Vorbereitung des Marktes: Die Nachricht, dass ein „Milliarden-AI-Unternehmen an die Börse geht“, motiviert Broker und Institutionen, frühzeitig zu handeln – noch bevor die Roadshow beginnt, ist der Markt bereits aktiv.
2. Anthropics Gewinne: Haben sie wirklich Geld verdient oder nur mit Zahlen gespielt?
Anthropic behauptet, im zweiten Quartal 2026 Gewinne erzielen zu können (Betriebsgewinn: 559 Millionen). Doch bei genauerem Hinsehen gibt es viele Zweifel:
- Gewinne durch Rabatte: Anthropic hat Rechenleistungskontakte mit SpaceX und xAI zu einem reduzierten Preis abgeschlossen (der volle Preis trat erst im Juli in Kraft); das zweite Quartal fällt genau auf diese Zeit – niedrige Kosten führen natürlich zu höheren Gewinnen, aber ob dies auch nach dem Vollpreis möglich ist, bleibt unklar;
Nicht-GAAP-Kriterien: Privatunternehmen müssen nicht nach den GAAP-Standards von börsennotierten Unternehmen bilanzieren (z. B. können bestimmte Kosten nicht berücksichtigt werden);
Raketengleicher Umsatzwachstum: Anthropics jährlicher Umsatz (ARR) stieg von 1 Milliarde Ende 2024 auf fast 44 Milliarden im Mai 2026 – doch der Gesamtumsatz beträgt nur 5 Milliarden, was darauf hindeutet, dass das Wachstum plötzlich erfolgte. Die Anzahl der Nutzer ist deutlich geringer als die von OpenAI (800 Millionen aktive Nutzer pro Woche); diese hohe Werteschätzung spiegelt eher den Wert für „Unternehmenskunden“ wider (80 % des Umsatzes stammen von Großunternehmen) als die Anzahl der Nutzer.
3. Die „Ablehnungsangst“ der VCs: Wenn sie nicht bald an die Börse gehen, geht das Geld verloren?
Hinter dieser IPO-Welle steht der Druck der VCs, ihre Investitionen zu realisieren:
- Fondszyklus: VC-Fonds haben in der Regel eine Laufzeit von 10 Jahren; viele AI-Investitionen wurden zwischen 2018 und 2021 getätigt – diese Fonds laufen bald ab; die Investoren (LPs) erwarten ihre Renditen, und die VCs müssen den papierernen Wert (z. B. die Werteschätzung von Anthropic) in echtes Geld umwandeln;
Endlich ist die Chance gekommen: In den Jahren 2022–2024 war das IPO-Fenster in den USA fast geschlossen (Zinserhöhungen und Marktspannungen führten dazu, dass viele Tech-Unternehmen bei ihrem Börsengang an Wert verloren); jetzt, mit sinkenden Zinsen und einer wachsenden Marktstimmung, ist dies die beste Zeit, Investitionen zu realisieren;
Die AI-Blase muss platzen: Die Werteschätzungen von AI-Unternehmen haben sich in den letzten drei Jahren vervielfacht – doch es handelt sich um „papiernen Reichtum“; nur ein Börsengang ermöglicht es den VCs und Gründern, ihr Kapital tatsächlich zu realisieren.
4. Anthropics besondere Stellung: Wie wird es nach dem Börsengang mit Geldverdienen und „Schadenvermeiden“ umgehen?
Anthropic ist keine gewöhnliche Firma – es handelt sich um eine „Public Benefit Company“ (PBC), die laut Satzung darauf abzielt, AI zum langfristigen Wohle der Menschheit zu entwickeln. Zudem gibt es ein LTBT-Trust-System (unabhängige Treuhänder besetzen die Mehrheit der Direktorenposten, um sicherzustellen, dass die Sicherheitsziele nicht durch Geschäftsinteressen überschattet werden). Nach dem Börsengang steht es vor einem Dilemma:
- Kostendruck: Monatliche Rechenleistungskosten in Höhe von 375 Millionen – entweder müssen die Preise erhöht werden (die Nutzer zahlen, z. B. durch höhere Kosten für Claude Pro oder Kürzung der kostenlosen Nutzungsmöglichkeiten) oder die Bilanz wird schlecht aussehen (nach dem Börsengang müssen die Buchführungsvorgaben nach GAAP eingehalten werden, was zu niedrigeren Gewinnmargen führen könnte);
Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Wachstum: Unternehmen benötigen Stabilität und Compliance, aber die Wall Street erwartet hohe Gewinnmargen; beispielsweise wird der leistungsstärkere Claude Mythos eingeschränkt – dies dient sowohl den Sicherheitsanforderungen als auch den Bedürfnissen der Unternehmen nach Vorhersehbarkeit, könnte aber das Wachstum beeinträchtigen.
Für die Nutzer bedeutet dies: Wenn der S-1 veröffentlicht wird, können sie anhand der enthaltenen Informationen über Rechenleistungskosten und Nutzerzahlen abschätzen, ob die Abonnementspreise steigen oder kostenlose Funktionen eingeschränkt werden.
5. Die unterschiedlichen Wege der AI-Giganten: Anthropic zielt auf den Hochmarkt ab, OpenAI auf die breite Masse?
Die Werteschätzungen von Anthropic und OpenAI unterscheiden sich grundlegend – auch die Produktwege nach dem Börsengang werden sich unterscheiden:
- Anthropic: Fokus auf Unternehmensdienste; 80 % des Umsatzes stammen von Großunternehmen (darunter acht Unternehmen aus der Fortune-100-Liste); einzelne Kunden sind wertvoll (z. B. Claude Code generiert jährlich Einnahmen in Höhe von 2,5 Milliarden). Nach dem Börsengang wird es mehr auf die Bedürfnisse von Unternehmen ausgerichtet sein: Stärkung der Stabilität und Compliance, konservative Freigabe von Funktionen; die Priorität für Privatnutzer wird sinken;
- OpenAI: Fokus auf den Verbrauchermarkt; 800 Millionen aktive Nutzer; niedriger ARPU (Einnahmen pro Nutzer). Nach dem Börsengang wird es aggressiver sein, Geld zu verdienen: Werbung, Sora-App, erwachsene Nutzungsmöglichkeiten usw. – schließlich ist die Anzahl der Nutzer das Kernargument für den Geschäftsmodus; mehr Nutzer müssen bezahlen.
Die Wahl des AI-Dienstes hängt davon ab, ob man einen „hochwertigen und stabilen“ oder einen „günstigen und breit zugänglichen“ Ansatz bevorzugt – in Zukunft könnte Claude teurer, aber zuverlässiger werden, während ChatGPT vielleicht günstiger, aber mit mehr Werbung sein wird.
Fazit
Diese IPO-Welle ist nicht nur ein Fest für das Kapital, sondern auch ein Wendepunkt für die AI-Branche – von einer Blase zur Realität. Die Zukunft der von Ihnen täglich genutzten AI-Tools hängt davon ab, was in den nächsten Jahren passiert.